Inspiration in der Bibel und bei Ellen White

Wie funktioniert eigentlich Inspiration? Diese Frage stellen sich viele – und das mit gutem Recht, weil dieses Thema heiß diskutiert wird, sowohl wenn es um  biblische Schreiber geht oder auch um Ellen White.

Im Begriff „Inspiration“ steckt das lateinische Wort spiritus für „Geist“. Inspiration meint, dass ein Schriftstück oder eine Person unter dem besonderen Einfluss des Heiligen Geistes steht.

Die Bibelschreiber formulierten dies wie folgt. Paulus schrieb: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre“ (2 Tim 3,16). Im Griechischen wird der Begriff theopneustos verwendet, was so viel wie „von Gott eingehaucht“ heißt. Die lateinische Vulgata gebraucht dafür die Formulierung omnis scriptura divinitus inspirata, also auf Deutsch „alle Schrift ist göttlich inspiriert“. Petrus drückt sich sehr ähnlich aus: „Und so besitzen wir das prophetische Wort umso fester, und ihr tut gut, darauf zu achten …, indem ihr dies zuerst wisst, dass keine Weissagung der Schrift aus eigener Deutung geschieht. Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben von Heiligem Geist.“ (2 Ptr 1,19-21).

Grundsätzlich sind diese Aussagen gut verständlich. Trotzdem bleiben viele Details offen. Wie funktioniert Inspiration? Schließt sie Fehler aus? Hat Gott sein Wort wortwörtlich diktiert? Wie viel stilistische Freiheiten hatten die Schreiber beim Verfassen ihrer Texte?

Inspiration bei Johannes

Beginnen wir mit Johannes, bei dem wir das am leichtesten nachvollziehen können. In der Offenbarung steht über 40-mal „und ich sah“. Damit ist klar, dass er von Gott Visionen bekam, die er anschließend in seiner menschlichen Sprache zu Papier brachte. Nennen wir seine Methode das „prophetische“ Modell von Inspiration.

Inspiration bei Lukas

Bei Lukas gestaltet sich die Sache komplizierter, da er nicht zum Kreis der zwölf Apostel gehörte. Woher nahm er all die Informationen für sein Evangelium? Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

„Da es nun schon viele unternommen haben, einen Bericht von den Ereignissen zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben, wie sie uns die überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind, hat es auch mir gut geschienen, der ich allem von Anfang an genau gefolgt bin, es dir, hochedler Theophilus, der Reihe nach zu schreiben, damit du die Zuverlässigkeit der Dinge erkennst, in denen du unterrichtet worden bist.“ (Lk 1,1-4)

Lukas wusste, dass er nicht der erste war, der ein Evangelium schrieb. Manches spricht dafür, dass er auch das Markusevangelium kannte. Einerseits werden Lukas und Markus bei Paulus gemeinsam erwähnt: „Markus,… Lukas, meine Mitarbeiter“ (Phlm 24; siehe auch Kol 4,10-14). Andererseits schreibt Lukas von „Dienern (gr. hyperetes)“ des Wortes (Lk 1,2) und verwendet damit einen Begriff, der unter anderem auch für Johannes Markus gebraucht wird (Apg 13,5).

Jedenfalls befragte Lukas Augenzeugen (vielleicht z. B. Maria, die ihm Details aus der Geburtsgeschichte erzählen konnte). Es wird also klar, dass er wie ein guter Historiker arbeitete, um zu seinem Evangelium zu kommen. Das war der menschliche Teil seines Schaffens. Dazu kam aber die göttliche Inspiration, damit auch jedes Detail seine Richtigkeit hatte und dem Plan Gottes entsprach. Dies wollen wir als das „lukanische“ Modell von Inspiration bezeichnen.

Keine unterschiedlichen Qualitäten von Inspiration

Nun könnte man irrtümlicherweise meinen, die Inspiration von Johannes in der Offenbarung sei „besser“, weil sie ja direkt von Gott kommt. Das ist jedoch nicht der Fall. Bei Inspiration ist es ganz einfach: Sie ist entweder vorhanden, oder eben nicht vorhanden. Daher gibt es auch nicht unterschiedliche „Grade“ von Inspiration (das wurde in der Adventgeschichte z. B. von I. Butler 1884 vertreten, aber von Ellen White abgelehnt). Mit anderen Worten, beide Modelle von Inspiration ­– das „prophetische“ und das „lukanische“ – sind absolut gleichwertig.

Inspiration bei Ellen White

Für uns ist es nun spannend zu sehen, dass Ellen White nach beiden Modellen der Inspiration arbeitete. Einerseits erhielt sie wie Visionen von Gott, sogar rund 2000 davon. Andererseits besaß sie eine große Bibliothek und nahm gelegentlich gedankliche Anleihen bei verschiedenen Autoren, die sie dann in ihren Artikeln und Büchern mit verwendete. Dabei ging sie offensichtlich wie Lukas vor.

Bei Ellen White ergänzen sich also die beiden oben vorgestellten Modelle von Inspiration. Daraus können wir schließen, dass beide Modelle gleich wertvoll sind.

Wichtigkeit von Bibel und Ellen White

Obwohl die Bibel und Ellen White von Gott auf gleiche Weise inspiriert wurden, haben die Heilige Schrift und die Publikationen von Ellen White nicht die gleiche Wertigkeit. Während die Bibel für alle Menschen aller Zeiten die verbindliche Quelle für den Glauben war und ist, sind die Werke von Ellen White speziell als Hilfe und Wegweisung für die Endzeitgemeinde gedacht. Das schließt natürlich nicht aus, dass einige ihrer Bücher auch für missionarische Zwecke bestens geeignet sind. Trotzdem sind sie in erster Linie ein Zeugnis für die Gemeinde Gottes.

Ellen Whites Selbstverständnis

Ellen White betonte wiederholt den hohen Stellenwert der Bibel. So griff sie den Vergleich von Sonne und Mond auf und sprach von der Bibel als dem „größeren Licht“, sich selbst aber bezeichnete sie bescheiden als das „kleine Licht“ (Evangelism 257). Dies sollte auch uns helfen, die Relationen richtig einschätzen. Nichts kann und darf die absolute Vorrangstellung der Bibel schmälern, auch nicht die Schriften von Ellen White. Trotzdem haben ihre vielen Bücher durch die gleiche Inspiration wie bei der Bibel und ihren prophetischen Charakter einen besonderen Platz im Denken von Adventisten und sprechen mit Autorität zu uns als Gemeinde.

War auch der Einkaufszettel von Ellen White inspiriert?

Ist absolut alles, was ein Prophet sagt und schreibt, auch inspiriert? Wenn wir in die alte Adventgeschichte blicken, dann hätten manche Zeitgenossen von Ellen White diese Frage durchaus mit „Ja“ beantwortet (z. B. A. T. Jones in seinen früheren Jahren). Andere Pioniere hatten allerdings ihre Zweifel daran, ob Ellen White wirklich Prophetin und somit auch alles von ihr Geschriebene inspiriert war (z. B. U. Smith, D. Canright,). Auch dazu ist eine Aussage von Ellen White selbst hilfreich:

„Aber zu gewissen Zeiten müssen ganz gewöhnliche Dinge besprochen werden, gewöhnliche Gedanken müssen durchdacht, gewöhnliche Briefe geschrieben und Informationen gegeben werden, die von einem Mitarbeiter an den anderen weitergegeben wurden. Solche Worte und Informationen sind nicht unter dem besonderen Einfluss des Geistes Gottes gegeben worden. Gelegentlich werden Fragen gestellt, die in keiner Weise religiöse Dinge betreffen, und diese Fragen müssen beantwortet werden. Wir sprechen über Häuser und Ländereien, Geschäfte, die abgewickelt werden müssen, und Standorte für unsere Institutionen, ihre Vorteile und Nachteile.“ (Für die Gemeinde geschrieben, Bd. 1, S. 40 = Selected Messages Bd. 1, S. 39)

Es gab also Dinge im profanen oder alltäglichen Bereich, für die Ellen White keine Inspiration beanspruchte. Wenn es allerdings um theologische Fragen ging, bestand sie sehr wohl auf göttliche Inspiration: „Ich schreibe nicht einen Artikel in der Zeitschrift, der ausschließlich meine eigenen Gedanken enthält. Sie sind das Ergebnis dessen, was Gott mir im Gesicht offenbart hat.“ (Für die Gemeinde geschrieben, Bd. 1, S. 27-28 = Selected Messages Bd. 1, S. 27)

Beispiele, die Inspiration verständlich machen

Die Art und Weise, wie die Schriften Ellen Whites entstanden, offenbart vieles darüber, wie Inspiration zu verstehen ist. Der Umstand, dass Ellen White in unterschiedlicher Art auch literarische Hilfen nutzte, zeigt auch einiges über ihr Verständnis von Inspiration. Dazu fünf Punkte:

1. Wenn Ellen White einen neuen Artikel oder ein neues Buch veröffentlichte, griff sie auch auf eigenes Material aus früheren Publikationen zurück, das zu diesem Zweck leicht adaptiert werden konnte.

2. Sie benutzte Ausdrücke und Wortgruppen, die sie in anderen Büchern gelesen hatte.

3. Sie verwendete Geschichtsbücher, Evangelienharmonien und Bücher über biblische Geschichte, um den Ablauf von Ereignissen nachzuerzählen.

4. Manchmal erfuhr sie Dinge über Gemeindeglieder, die sie dann mit Hilfe des ihr gegeben göttlichen Lichts richtig einordnen und bewerten konnte.

5. Ellen White hatte viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihre Schriften sprachlich korrigierten und aufbesserten, um z. B. Wortwiederholungen und Grammatikfehler auszumerzen.

Dazu noch ein weiteres Beispiel. In den Jahren 1881-1885 sollten die „Zeugnisse“ überarbeitet werden. Mary K. White, die Schwiegertochter Ellen Whites, begann kleine sprachliche Unebenheiten und offensichtliche Grammatikfehler auszubessern. Einigen Pionieren war das durchaus suspekt, da sie besorgt waren, die Inhalte könnten sich ändern, was Kritiker natürlich gerne als Beweis gegen die Glaubwürdigkeit und Inspiration Ellen Whites verwendet hätten. Man einigte sich schließlich auf sehr moderate Eingriffe und Verbesserungen, wobei der Eindruck entstand, dass Ellen White eine stärkere Bearbeitung durchaus befürwortet hätte.

All dies zeigt, dass Ellen White ganz sicher keine Verbalinspiration vertrat – ein Konzept, in dem jedes Wort dem Schreiber von Gott diktiert wird. Anders als in diesem Ansatz der Verbalinspiration vertrat Ellen White offensichtlich die Meinung, dass der Sprachstil verändert oder verbessert werden konnte, ohne dass die ursprünglichen Ideen verloren gingen oder die Inspiration dadurch in Frage gestellt wurde.

Aussagen von Ellen White zur Inspiration der Bibelschreiber

Zum Schluss noch einige Aussagen, die von Ellen White selbst stammen:

„Die Bibel weist auf Gott als ihren Verfasser hin, doch sie wurde von Menschenhand geschrieben, und die verschiedenen Ausdrucksformen ihrer Bücher zeigen Merkmale der jeweiligen Schreiber … Der Unendliche hat durch seinen Heiligen Geist den Verstand und das Herz seiner Diener erleuchtet. Er hat Träume und Gesichte, Symbole und Bilder gegeben, und diejenigen, denen die Wahrheit auf diese Weise offenbart wurde, haben die Gedanken in menschlichen Worten zum Ausdruck gebracht.“ (Vom Schatten zum Licht, S. 10)

„Indem die Wahrheit durch verschiedene Persönlichkeiten dargestellt wird, lernen wir sie aus immer neuen Blickwinkeln kennen. Ein Schreiber zeigt sich von der einen Seite eines Themas stärker beeindruckt, und er erfasst jene Dinge, die mit seiner Erfahrung, seinem Wahrnehmungsvermögen oder seinem Verständnis übereinstimmen … Gott wollte die Verkündigung seiner Wahrheit menschlichen Vermittlern anvertrauen. Er selbst hat durch seinen Heiligen Geist die Menschen dazu befähigt, diese Aufgabe wahrzunehmen. Er hat den Verstand des Einzelnen bei der Auswahl so gelenkt, dass jeder wusste, was er zu sagen oder zu schreiben hatte. Der Schatz ist irdischen Gefäßen anvertraut worden, und dennoch stammt er vom Himmel. Das Zeugnis wird mit unvollkommenen menschlichen Worten mitgeteilt und ist dennoch das Zeugnis Gottes.“ (Vom Schatten zum Licht, S. 11)

Zusammenfassung

Ein korrektes Verständnis von Inspiration hilft uns zu verstehen, wie die Bibel entstand. Es macht auch verständlich, wie Ellen White ihre Schriften unter göttlicher Führung verfasste. Dieses Wissen hilft uns dabei, das nötige Vertrauen in die Bibel und die Schriften Ellen Whites zu setzen.

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